Die politische Entwicklung in der Europäischen Union, ihre allmähliche Erweiterung und die damit verbundenen Probleme des föderativen Integrationsprozesses machen eines deutlich: Die Europäische Union muss von ihren Bürgerinnen und Bürger gemeinsam aufgebaut werden. In diesem Prozess, vor allem bei der Frage, wie das künftige Europa regiert werden soll, darf ein Drittel der EU-Bevölkerung, nämlich 75 Millionen junge Menschen zwischen 14 und 25 Jahren, nicht vernachlässigt werden. Sie müssen ihre Vorstellungen und Ideen zu und ihre persönlichen Wünsche und Erwartungen an ein Europa der Zukunft als Gestaltungsauftrag mit einbringen können.
Breit angelegte Jugendstudien auf europäischer und nationaler Ebene kommen zu dem bedenkenswerten Ergebnis, dass das Niveau der Bildungsabschlüsse die Einstellung der Jugendlichen zu Europa bestimmen. Je höher die Abschlussqualifikation, die einhergeht mit der Kenntnis von mindestens zwei europäischen Fremdsprachen, desto höher das Interesse an einer Mitgestaltung politischer Entscheidungsfindungsprozesse auf allen Ebenen. Dies gilt für Jugendliche aus privilegierten Elternhäusern. Einen geringerwertigen oder gar keinen Abschluss erreichen Jugendliche mit benachteiligendem sozio-ökonomischem Hintergrund. Sie haben trotz Demokratisierungsbemühungen im Bildungssystem oft keine wirkliche Chance beim Zugang zu mittleren und höheren Bildungseinrichtungen.
Neben den Bildungssystemen sind wirtschaftliche Krisenzeiten maßgeblich beteiligt an der Arbeitslosigkeit der Jugendlichen in der EU. Selbstständigkeit und finanzielle Unabhängigkeit erreichen junge Menschen nicht zuletzt auch deshalb immer später, mit der Folge, dass Eheschließung und Familiengründung erst bei sicherer Existenzgrundlage möglich sind. Die meisten Jugendlichen wohnen so lange wie möglich bei den Eltern, weil ihre finanziellen Möglichkeiten entweder eine unsichere Lebensperspektive eröffnen oder für eine autonome Lebensführung nicht ausreichen.
Beteiligung
Die mangelnde, bzw., zurückhaltende Partizipation Jugendlicher am öffentlichen Leben eines Gemeinwesens wird in der Öffentlichkeit viel beklagt und diskutiert. Es wird sowohl eine allgemeine Politik- und Parteiverdrossenheit genannt als auch die fehlende Bereitschaft zur Mitarbeit in Jugendorganisationen und Vereinen.
Die Jugendlichen binden sich ungern an organisierte Gemeinschaften, bewegen sich lieber in ‘freien Räumen’ unterschiedlicher Einrichtungen. Insgesamt lässt sich eine geringe politische Partizipation bei Wahlen aller Art und in Bezug auf Mitgliedschaft in Parteien, Jugendvereinen, Jugendorganisationen oder Vertretungen in beschlussfassenden Körperschaften feststellen. Das geringe politische Engagement und die geringe gesellschaftliche Teilhabe der Jugendlichen werden als Herausforderung an die Zukunft der repräsentativen Demokratie gesehen (vgl. IARD-Studie). Im Gegensatz zu den vorangegangenen Feststellungen stehen lt. EK-Weißbuch die ernst zu nehmenden Forderungen der Jugendlichen selbst. Sie wollen
- sich aktiv als Staatsbürger einbringen, als verantwortungsvolle Bürger betrachtet werden,
- ein Mitspracherecht bei allen sie betreffenden Lebensbereichen haben
- teilhaben an Demokratie und mit gestalten,
- beim Aufbau Europas als vollwertige BügerInnnen einbezogen werden.
Nur angehört zu werden, ist ihnen nicht genug (vgl. Weißbuch). Die Jugendlichen der Europäischen Union empfinden es als ungerecht, wenn sie als kaum interessiert und engagiert charakterisiert werden und beklagen, dass sie weder die finanziellen noch die notwendigen Informationen oder die entsprechende Ausbildung, die für eine aktivere Rolle im Gemeinwesen nötig wären, erhalten würden.
Das heißt, den Jugendlichen müssen bestimmte Fähigkeiten vermittelt werden, und sie müssen die benötigten Informationen erhalten, um sich beteiligen zu können. Bei der Wahrnehmung von Partizipation erwerben dann die jungen Menschen Fähigkeiten, die sie in allen gesellschaftlichen Bereichen anwenden können. Aus diesem Grunde ist eine Verknüpfung von formaler und nichtformaler Bildung so bedeutsam, weil die in der Schule gelernten und eingeübten partizipativen Praktiken unter anderem im Freizeitbereich angewendet werden können.
Dazu gehört ein rechtlicher Rahmen, der die Grundsätze zu einer Erziehung zur Demokratie festschreibt.
Ganz wichtig erscheint den Jugendlichen die Einmündung ihrer Beiträge und Meinungen in reale Entscheidungen und deren Rückmeldung an sie (vgl. Weißbuch). „Auch für die Forscher sind die Errichtung eines rechtlichen Rahmens, die Erziehung zum Staatsbürger und das Suchen eines Dialogs, bei dem von der Erfahrung der Jugendlichen ausgegangen wird, unabdingbare Voraussetzungen für die Partizipation“ (vgl. Weißbuch).
Allgemeine und berufliche Bildung
Die Ausbildung der Jugendlichen innerhalb der formalen Bildungssysteme wie Schule, Hochschule und Berufsausbildungseinrichtung nimmt immer mehr Zeit in Anspruch. Von gleicher Bedeutung ist aber auch die Nichtformale, außerschulische und informelle Bildung, die insbesondere die demokratischen Fähigkeiten und Lebenstauglichkeit trainieren. Außer den Kulturtechniken und einer grundlegenden Allgemeinbildung muss Bildung auch persönliche Entfaltung, soziale Integration und den mündigen, aktiven Staatsbürger zum Ziel haben. Nicht nur die Jugend, sondern auch Bildungsexperten kritisieren Beschaffenheit und Wirksamkeit der allgemeinen und beruflichen Bildung in dieser Hinsicht. Sie betrachten die Möglichkeiten der Jugendlichen, Fähigkeiten zur Bildung einer eigenständigen und unabhängigen Meinung erwerben zu können, die sie zu mündigen und verantwortungsvollen Bürgern qualifizieren und damit die Eingliederung in die Gesellschaft und das Erwerbsleben fördern, als nicht befriedigend.
Ursächlich sind die eingeschränkt demokratischen Bildungsstrukturen, deren Angebote an entsprechenden Lerngelegenheiten und Beteiligungsmöglichkeiten den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und europäischen Bedürfnissen nicht entsprechen. Zu viele Jugendliche verlassen so rasch wie möglich die allgemeinbildenden oder beruflichen Schulen, bzw. brechen sie entweder freiwillig oder gezwungenermaßen ohne formalen Bildungsabschluss ab. Eine Verbindung herzustellen zwischen formaler und nicht formaler Bildung, das heißt, zwischen Schule, Arbeit und Freizeit, könnte die Effektivität schulischer und beruflicher Bildung stärken, interessanter gestalten und zum lebenslangen Lernen motivieren. Dazu gehören in beiden Bereichen die Einbeziehung und Anerkennung von Mobilität und Freiwilligenarbeit als Praktika.
Nach wie vor bleibt der qualifizierte Schulabschluss das Erfolgsrezept für eine selbstständige Lebensgestaltung für alle Jugendlichen. Leider ist er in Deutschland – mehr als in jedem anderen Land der EU – immer noch abhängig von der sozialen Herkunft der jungen Menschen. Für viele junge Leute aus sozial und finanziell schwachen Familien besteht im Gegensatz zu den privilegierten keine wirkliche Chancengleichheit beim Zugang zu den mittleren und höheren Bildungseinrichtungen. Eine zukunftsweisende Bildungspolitik wird die aus sozialer Herkunft erwachsene Ungleichheit in ihren Bildungsmaßnahmen zu berücksichtigen haben.
Beschäftigung und Lebensqualität
Die soziale Integration junger Menschen hängt wesentlich von einem sicheren Arbeitsplatz ab. Er ermöglicht ihnen, wirtschaftlich unabhängig zu werden und ihre persönlichen Ziele zu verwirklichen. Der gesicherte Eintritt der Jugendlichen in die Arbeitswelt trägt erheblich zur sozialen Stabilität eines Staates bei, die ein wichtiger Faktor für Wirtschaftswachstum und
Wohlstand einer Gesellschaft sind. Gilt das für Teile der Jugendlichen nur eingeschränkt oder gar nicht, besteht die Gefahr einer sozialen Spaltung. Eine Benachteiligung aus sozio-ökonomischen Gründen bei der Schulbildung hat auch Konsequenzen für die weitere persönliche und berufliche Lebensgestaltung. Die Shell Jugendstudie 2010 beschreibt die gesellschaftliche Situation wie folgt:“…der Anteil der optimistischen Jugendlichen hat sich deutlich erhöht. 59 Prozent der Jugendlichen blicken ihrer Zukunft zuversichtlich entgegen, 35 Prozent äußern sich unentschieden und nur 6 Prozent sehen ihre Zukunft eher düster. Dagegen ist die Zuversicht von Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien rückläufig. Hier äußern sich nur 33 Prozent zuversichtlich. … Während fast drei Viertel der Jugend im Allgemeinen zufrieden mit ihrem Leben sind, äußern sich Jugendliche aus unterprivilegierten Verhältnissen nur zu 40 Prozent positiv“. 41 Prozent von ihnen glauben nicht daran, ihre beruflichen Wünsche realisieren zu können.
Das Weißbuch Jugend der Europäischen Union stellt bereits neun Jahre zuvor fest, dass das Niveau der Jugendarbeitslosigkeit mit 16,1 Prozent fast doppelt so hoch wie die allgemeine Arbeitslosenrate der übrigen Gesamtbevölkerung in den Mitgliedstaaten ist. Aktuell liegen die Jugendarbeitslosenzahlen in der Europäischen Union bei 20,5 Prozent, was bedeutet, dass jeder fünfte Jugendliche ohne Arbeit ist. Spanien liegt mit 45,7 Prozent an der Spitze, dicht gefolgt von Griechenland mit 38,5 Prozent. Deutschland bietet derzeit im Vergleich und mit den weiter oben dargestellten Einschränkungen die besten Arbeitsplatzchancen. Insgesamt gilt, dass in schlechten wirtschaftlichen Zeiten die Betriebe Arbeits- und Ausbildungsplätze einsparen und außerdem bei Entlassungen als erste Arbeitnehmer mit geringer Berufserfahrung betroffen sind. Für Berufsanfänger wird es folglich immer schwieriger, einen auf Dauer gesicherten Arbeitsplatz zu bekommen. Befristete und schneller kündbare Verträge, so genannte ‘prekäre Arbeitsverhältnisse’ sind die Regel.
Selbst eine gute Ausbildung stellt keine automatische Garantie mehr bei der Arbeitsplatzsuche dar, weil sich der Kampf um Arbeit verschärft hat. Jugendliche, die sich immer wieder vergeblich um Ausbildungs- und/oder Arbeitsplatz beworben haben, sind wegen der Enttäuschungen, den finanziellen Nöten und den daraus resultierenden persönlichen Problemen gefährdet, psychisch zu erkranken, sich zu radikalisieren und ein Leben am Rande der Gesellschaft zu fristen. Hinzu kommt, dass der Generationenvertrag und die Funktionsfähigkeit der sozialen Sicherungssysteme zunehmend unter Druck geraten.
Die umfangreichen Maßnahmen und Programme, die in der Folge des Weißbuch Jugend von der Europäischen Kommission und dem Europarat verabschiedet worden sind und sich insbesondere in einer Demokratisierung des Bildungswesens und der Beteiligungsformen und in dem Ziel einer sozial gerechten Arbeitsmarktpolitik darstellen, um Jugendbeteiligung zu fördern und Jugendarbeitslosigkeit wie soziale Ausgrenzung zu verhindern, befinden sich seither in der Umsetzung auf europäischer, nationaler, regionaler und lokaler Ebene.
Die Lebenssituation der Jugendlichen in Kassel
Am 31.12.2010 lebten in Kassel 193.112 Menschen, davon rd. 24.857 Jugendliche im Alter zwischen 15 und 24 Jahren. Die Zahl der Jugendlichen mit Migrationshintergrund liegt bei 38,6% und 2.784 Jugendliche, das sind 11,3%, waren im Juni 2011 ohne Arbeit. Da die statistischen Angaben der Stadt Kassel sich auf das Alter zwischen 15 und 24 Jahren beziehen und sich darin von dem sonst üblichen Bezugsrahmen (14 – 25 Jahre) unterscheidet, die 25-Jährigen der nächst höheren Gruppe mit einer signifikant höheren Arbeitslosenrate zuordnet, wird das Bild der arbeitslosen Jugendlichen in Kassel zugunsten einer niedrigeren Arbeitslosenquote vermutlich verzerrt dargestellt.
Die Europäische Dimension der Aktivitäten und Programme zur Jugendförderung in den vorgenannten Bereichen des Jugendamtes der Stadt Kassel, der Europaschulen, Vereine, Freien Träger und anderer Organisationen spiegeln bei genauerer Betrachtung die Initiativen der Europäischen Kommission und des Europarates auf städtischer Ebene wider. Vorbildliche Einrichtungen zur Arbeitsförderung bei Jugendlichen mit benachteiligender Herkunft sind bei Einrichtungen wie Jafka e.V., Buntstift e.V. und Teilangeboten des Kulturzentrum Schlachthof e.V. zu finden. Das „Kasseler Jugendbildungswerk“ des Jugendamtes, das „Kinder- und Jugendnetzwerk Kassel“ sowie das„Kulturzentrum Schlachthof“ haben zum Teil preisgekrönte Projekte zur Förderung emanzipatorischer und demokratischer Beteiligung bei Kindern und Jugendlichen in ihren Programmen aufgenommen. Außerdem organisiert das „Netzwerk“ internationale Reisen und Jugendbegegnungen sowie Informationsveranstaltungen zum „Europäischen Freiwilligendienst“, „Freiwilligen sozialen Jahr im Ausland“ sowie „Schüleraufenthalte in Europa“. Das Jugendbildungswerk des DGB ist wegen seiner intensiven Schulungsangebote zur Demokratiepraxis und zur Europäischen Grundwertevermittlung besonders hervorzuheben. Hinzu kommen drei Europaschulen in Kassel, „die ihre Schülerinnen und Schüler sowie ihre Studierenden zur politischen Mitbestimmung in einer Europäischen Demokratie befähigen“ (Staatliches Schulamt für den Landkreis und die Stadt Kassel) sollen.
Trotz dieser beachtlichen Initiativen in der Stadt Kassel zur umfassenden Förderung aller Kinder und Jugendlichen auf lokaler Ebene, sollte von den politisch Verantwortlichen darüber nachgedacht werden, inwieweit außer den größtenteils zeitlich begrenzt geförderten Projekten finanziell gesicherte und dauerhaft installierte Einrichtungen zur Stärkung von Wissen und Kompetenz über Ziele und Werte der Europäischen Union und der Förderung von Partizipation an politischen Entscheidungsprozessen auf lokaler, regionaler, nationaler und europäischer Ebene in Kassel zusätzlich auf den Weg gebracht werden müssten. Beispielhaft sind folgende Maßnahmen zu nennen:
- Einrichtung einer Koordinationsstelle für Europäische Jugendprogramme,
- Mobilität von Jugendliche durch Sprachtraining und Finanzierungsmodelle fördern,
- ein „Europa Forum“ für alle mit Jugend befassten Vereine, Verbände, Parteien und Institutionen einrichten,
- Beteiligung von Jugendlichen in allen Bereichen demokratischen Handelns auf kommunaler Ebene ermöglichen,
- regelmäßige Jugendkonferenzen zu europäischen Fragestellungen anbieten,
- regelmäßige Tagungen eines gewählten Jugendparlaments mit europäischen Themen ausrichten,
- Jugendforen, Jugendworkshops zur Ermittlung spezifischer Hindernisse bei der Wahrnehmung gemeinschaftlicher und gesellschaftlicher Beteiligung initiieren und
- gezielte Maßnahmen zur Intensivierung der sozialen Integration Jugendlicher mit schwierigem sozialem Umfeld ergreifen.

An die Veranstalter von Europa im Gespräch!
Vielen Dank für den tollen, informativen, klaren Vortrag von Frau Schöneweiß am Samstag.
Ich bin Lehrerin und bereite auch meine Schüler auf das Berufs- und weitere Leben vor. Dazu wären uns auch die Teilnahme an Jugendprojekten der EU wichtig. Aber leider ist mir keine Informationsstelle in Kassel bekannt, die uns Informationen geben oder helfen könnte.
Weiter vermisse ich, dass es in Kassel keine Institution gibt, die mich und meine Schüler über EU Förderprogramme informieren kann. Dies finde ich sehr bedauerlich. Vielleicht kann man dies ändern.
Danke!
I. Bartelmes